Mit Goethes Faust als ob­li­ga­to­ri­scher Lektüre für das Zen­tral­ab­itur 2017/2018 bot sich die Ge­le­gen­heit, sich in­ten­siv mit der im­mer­wäh­ren­den Ak­tua­li­tät dieses Werkes aus­ein­an­der­zu­set­zen. Zur Fach­ta­gung des Lan­des­ver­ban­des NRW im Sep­tem­ber 2016 in Borken/Westfalen zum Thema „Nicht nur tote Dichter im Un­ter­richt“ waren re­nom­mier­te Fach­wis­sen­schaft­ler aus Berlin, Er­lan­gen und Köln ein­ge­la­den, die mit ihren Vor­trä­gen das Pu­bli­kum in ihren Bann zu ziehen wussten.

Ein­ge­lei­tet wurde der so­ge­nann­te „Kleine Ger­ma­nis­ten­tag NRW“ mit dem Vortrag „Die Er­fin­dung der Ge­schich­te. Was ist und wie erzählt Ge­gen­warts­li­te­ra­tur?“ von Prof. Dr. Michael Braun (Köln). Er schlug eine Brücke zwi­schen dem, was in den Schulen gelesen werden muss und dem, was Schüler und Schü­le­rin­nen darüber hinaus in­ter­es­siert. Wie Ge­gen­warts­li­te­ra­tur funk­tio­niert, machte Braun an ver­schie­de­nen Er­zäh­ler­fi­gu­ren deut­lich; zudem zeigte er auf, wie his­to­ri­sche Er­eig­nis­se und/oder li­te­ra­ri­sche Stoffe fil­misch ad­ap­tiert werden und somit un­ter­schied­li­che Bilder im Kopf des Be­trach­ters ent­ste­hen lassen.

PD Dr. Michael Jaeger (Berlin) hielt einen hoch­in­ter­es­san­ten, the­ma­tisch an seine letzten Ver­öf­fent­li­chun­gen an­ge­lehn­ten Vortrag über den „Global Player Faust oder Das Ver­schwin­den der Ge­gen­wart“, in dem er auf über­zeu­gen­de Weise deut­lich machte, in­wie­fern Goethes Faust-Figur in unserer hek­ti­schen und ge­trie­be­nen Zeit des Nicht-mehr-verweilen-Könnens noch immer jeden von uns an­zu­spre­chen vermag.

Sehr schön kor­re­spon­dier­te dazu die Prä­sen­ta­ti­on von Prof. Dr. Volker Fre­de­r­king (Er­lan­gen), der mit breitem Re­per­toire vor­führ­te, wie es ge­lin­gen kann, klas­si­sche Texte wie Goethes Faust mit Schü­lern und Schü­le­rin­nen in einem iden­ti­täts­ori­en­tier­ten und sym­m­edia­len Li­te­ra­tur­un­ter­richt neu zu er­schlie­ßen. Dabei war es Fre­de­r­king wichtig auf­zu­zei­gen, dass klas­si­sche Texte kei­nes­falls als an­ti­quiert gelten müssen. Viel­mehr kann es Leh­ren­den durch­aus ge­lin­gen, auch heutige Schüler über un­ter­schied­li­che Zugänge für diesen Stoff zu in­ter­es­sie­ren. Hierzu er­läu­ter­te er pra­xis­na­he und auch selbst er­prob­te Mög­lich­kei­ten und ver­deut­lich­te, wie im Rahmen eines iden­ti­täts­ori­en­tier­ten Kon­zepts ein ver­tief­tes per­sön­li­ches In­ter­es­se geweckt werden kann. Die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten einer „sym­m­edia­len“ Be­rei­che­rung in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Faust de­mons­trier­te er an­schlie­ßend anhand reich­hal­ti­gen Ma­te­ri­als: Bilder, Comics, Hör­tex­te, In­sze­nie­rungs­ver­fil­mun­gen und ebenso der Com­pu­ter mit seinen di­dak­ti­schen Po­ten­zia­len wurden als Sym­m­edi­en in den Blick ge­nom­men. Mit größtem In­ter­es­se ver­folg­ten die zahl­rei­chen, groß­teils sehr jungen und mit Goethes Faust noch un­er­fah­re­nen Teil­neh­mer dieses Work­shops Fre­de­r­kings Aus­füh­run­gen und nahmen sie mit großer Be­geis­te­rung auf, zumal der Re­fe­rent den An­we­sen­den freund­li­cher­wei­se alle Ma­te­ria­li­en zur Ver­fü­gung stellte.

Im Abitur müssen die Schüler und Schü­le­rin­nen ihre er­wor­be­nen Kom­pe­ten­zen im Bereich Re­zep­ti­on und Pro­duk­ti­on auch im Umgang mit li­te­ra­ri­schen Texten unter Beweis stellen und Leis­tungs­auf­ga­ben be­wäl­ti­gen. Dieses li­te­ra­ri­sche Lernen muss an­ge­bahnt und mit Hilfe von Lern­auf­ga­ben ge­schult werden. Hierzu führte Wil­li­bert Kempen, Deutsch­fach­lei­ter in Neuss, Re­fe­rent in der Leh­rer­fort­bil­dung sowie für den Klett-Verlag, am Bei­spiel von Goethes Faust vor, wie sich li­te­ra­ri­sche Texte mit Hilfe von Lern­auf­ga­ben mo­ti­vie­rend er­ar­bei­ten und somit die Schüler sich schritt­wei­se zu einer Analyse an­lei­ten lassen. An ver­schie­de­nen Bei­spie­len wurde aus­gie­big dis­ku­tiert, ob und wie dieses pro­zess­ori­en­tier­te Ver­fah­ren dem li­te­ra­ri­schen Text als auch einem kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Un­ter­richt gerecht werden kann.

Boten diese drei Ver­an­stal­tun­gen vor allem In­for­ma­tio­nen und Ma­te­ria­li­en für Lehrer und Leh­re­rin­nen der Se­kun­dar­stu­fe II, so widmete sich eine zweite Workshop-Schiene ins­be­son­de­re der Le­se­för­de­rung und zog das In­ter­es­se der in der Se­kun­dar­stu­fe I un­ter­rich­ten­den Deutsch­leh­rer auf sich.

Zu­nächst stellte Prof. Dr. Chris­ti­ne Garbe (Köln), deren Forschungs- und Ar­beits­schwer­punkt in der Lese- und Me­di­enso­zia­li­sa­ti­on liegt und die sich in zahl­rei­chen na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Pro­jek­ten hierzu und auch zu Gen­der­fra­gen en­ga­giert, das Projekt boys & books, dessen In­itia­to­rin und Lei­te­rin sie ist, vor. boys & books richtet sich an er­wach­se­ne Li­te­ra­tur­ver­mitt­ler und Le­se­för­de­rer, gibt Buch­emp­feh­lun­gen für männ­li­che Leser und dient der ge­ziel­ten Le­se­för­de­rung von Jungen ab dem Grund­schul­al­ter.

Im Kontext dieser Le­se­för­de­rung stellte Frank Maria Rei­fen­berg (Köln), der über­wie­gend Kinder- und Ju­gend­bü­cher schreibt, aber auch Dreh­bü­cher für Film und Fern­se­hen ver­fasst, sein Pra­xis­pro­jekt kicken & lesen vor. Durch die Kom­bi­na­ti­on von Fußball und ge­eig­ne­ten Texten soll die Le­se­lust der Jungen geweckt werden. In seinem gleich­na­mi­gen Buch finden sich neben einer theo­re­ti­schen Ein­füh­rung ver­schie­de­ne Me­tho­den zur Le­se­för­de­rung, spe­zi­ell ge­schrie­be­ne Übungs­tex­te und viele Tipps und An­lei­tun­gen.

Philipp Mus­sing­hoff (Münster) stellte in seinem Work­shop eigens für den Un­ter­richt er­ar­bei­te­te Kon­zep­te und Me­tho­den des Pro­jekts Le­se­schu­le NRW der Uni­ver­si­tät Münster vor, mit denen sich sys­te­ma­tisch das Text­ver­ständ­nis der Schüler und Schü­le­rin­nen fördern lässt. Weg­wei­send sind hier die Aus­füh­run­gen von Rosebrock/Nix zu Le­sestra­te­gien und zur För­de­rung der Le­se­flüs­sig­keit. An aus­ge­wähl­ten Bei­spie­len konnten die Teil­neh­mer dieses Work­shops ver­schie­de­ne Ver­fah­ren er­pro­ben, um sich ein Bild von In­ten­ti­on und Wirk­sam­keit zu ver­schaf­fen. Auch in dieser Workshop-Schiene nahmen alle Teil­neh­mer viele in­ter­es­san­te An­re­gun­gen für ihre un­ter­richt­li­che Praxis mit.

Be­glei­tet wurde dieser NRW-Germanistentag erneut von einer um­fang­rei­chen Aus­stel­lung der Schul­buch­ver­la­ge mit Ma­te­ria­li­en zur Ta­gungs­the­ma­tik.

Rück­mel­dun­gen der Teil­neh­mer machten deut­lich, dass die Ver­an­stal­tung sehr positiv auf­ge­nom­men worden ist, da sie neben den wis­sen­schaft­li­chen Vor­trä­gen viele wert­vol­le An­re­gun­gen für die Schul­pra­xis ver­mit­tel­te.

Ellen Schindler-Horst (erste Vor­sit­zen­de des Lan­des­ver­bands NRW)