Ver­ehr­te Anwesende,

das Thema Zeit ist na­tur­ge­mäß immer aktuell. Manche seiner Fa­cet­ten schei­nen 2019 ak­tu­el­ler denn je zu sein, so der Count­down zur Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der in be­son­de­rem Maße zu einem um­welt­be­wuss­ten Ver­hal­ten aufruft. Oder die mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ein­her­ge­hen­den be­schleu­nig­ten Arbeits- und Le­bens­pro­zes­se, die wir teil­wei­se schon recht or­dent­lich be­wäl­ti­gen und klug zu unserem Vorteil nutzen. Denen wir hin und wieder nost­al­gisch zu ent­flie­hen trach­ten – Stich­wort Digital Detox –, vor denen wir aber auch immer noch stau­nend stehen und uns die Augen reiben an­ge­sichts der tech­no­lo­gi­schen Magie des 21. Jahrhunderts.

Was sind also die Auf­ga­ben des Men­schen in diesen Zeiten des Wandels? In welchen Rollen ver­sucht er diese Auf­ga­ben zu lösen? Wie kann die Schule den jungen Men­schen auf diese Auf­ga­ben vorbereiten?

In diesem Jahr 2019 wurde der Spieß um­ge­dreht: Die Schüler*innen lehren Schule und Gesellschaft den Fokus auf das We­sent­li­che, auf den Erhalt unserer Le­bens­grund­la­gen, und machen dies zum Un­ter­richts­the­ma Nr. 1 an jedem Streik-Freitag. Dies tun sie, weil sie aus dem in der Schule Ge­lern­ten eben gerade die rich­ti­gen Lehren ziehen: Unsere Zeit ist be­grenzt. Memento Mori. Scheide das We­sent­li­che vom Unwesentlichen.

Sie setzten und setzen im­pli­zit auch einen Ge­gen­trend zum um sich grei­fen­den Rechts­po­pu­lis­mus, der sich so stu­fen­los stei­gern lässt zu einem Rechts­ex­tre­mis­mus, zu ver­ba­ler und phy­si­scher Gewalt.

„Bie­der­mann und die Brand­stif­ter“ – Max Frisch nannte sein Stück 1948 „Ein Lehr­stück ohne Lehre“; als solches sollte es durch­aus etwas lehren, in der Schule, in der dieses Stück und andere Texte von Frisch und den anderen Autor*innen der Nach­kriegs­zeit zu Klas­si­kern avancierten.

Diese Autor*innen, Zeit­zeu­gen von Deutsch­lands dun­kels­ter Ver­gan­gen­heit, sterben gerade, wir ver­lie­ren sie in dieser Dekade, ihre mah­nen­den Stimmen werden un­hör­bar im Stim­men­get­wit­ter, wenn es nicht gelingt, sie in das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis zu über­füh­ren, in das kul­tu­rel­le Ge­dächt­nis unserer Gesellschaft und dort so fest zu ver­an­kern, dass Hu­ma­ni­tät, To­le­ranz und De­mo­kra­tie als selbst­ver­ständ­li­che, als einzig frie­dens­stif­ten­de Ei­gen­schaf­ten unseres Volkes ver­stan­den werden. Das kann und muss die Schule leisten.

Dazu muss sie, nach allen Kräften un­ter­stützt von der Politik, den Lehr­kräf­ten Zeit geben für die Vor­be­rei­tung eines in­spi­rie­ren­den krea­ti­ven Deutsch­un­ter­richts, der Momente der be­son­de­ren Er­fah­rung schafft. Sie muss Struk­tu­ren schaf­fen, in denen Orte kul­tu­rel­ler Be­deu­tung auf­ge­sucht, aber auch in den schu­li­schen Alltag in­te­griert werden können. Nicht zuletzt muss sie das Stun­den­kon­tin­gent für das Schlüs­sel­fach Deutsch erhöhen und die De­pu­tats­ver­tei­lung der Deutschlehrer*innen wieder so regeln, dass diese die für eine wirk­li­che För­de­rung drin­gend not­wen­di­gen Diagnose‑, Förder- und schrift­li­chen Kor­rek­tur­ar­bei­ten in Ruhe durch­füh­ren können. Um mündige, de­mo­kra­tiefä­hi­ge, sprach­fä­hi­ge, li­te­ra­tu­raf­fi­ne Men­schen zu bilden, müssen Schule und Gesellschaft dem Ein­zel­nen den Raum geben, sich zu ent­wi­ckeln. Men­schen brau­chen Muße: Dieses Wort meint die Ver­in­ner­li­chung, die innere Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ge­lern­ten. Das Innen ist der Ort, in dem die Haltung ent­wi­ckelt wird, aus der heraus im Außen Stel­lung bezogen wird. Wir brau­chen eine Schule, die uns diese Zeit­räu­me schenkt, in denen wir, Schüler*innen und Lehrer*innen, zur Ruhe kommen und nach­den­ken dürfen.

Wenn im Deutsch­un­ter­richt die kom­ple­xen Auf­ga­ben von jeder ein­zel­nen Schü­le­rin, jedem ein­zel­nen Schüler eine Trans­fer­leis­tung er­war­ten, dann im­pli­ziert deren Lösung Kon­zen­tra­ti­on, Kom­pe­tenz und Krea­ti­vi­tät. Die selbst­stän­di­ge Er­ar­bei­tung setzt Au­to­no­mie voraus, eine in­di­vi­du­el­le Frei­heit. Diese aber muss zu­vor­derst erst einmal er­fah­ren werden. Dazu muss Schule Pausen ein­rich­ten – damit meine ich keine In­ter­val­le zwi­schen Inputs und keine phy­sisch not­wen­di­gen Essens- und Toi­let­ten­pau­sen, sondern Pausen der Kon­tem­pla­ti­on, der Re­fle­xi­on, der Freigeistigkeit.

Ein Ger­ma­nis­ten­tag wie dieser ist ein Quell des Wissens und der Re­fle­xi­on, aus dem die Lehr­kräf­te schöp­fen dürfen und sich stärken für das, was in und au­ßer­halb des Klas­sen­zim­mers für sie zu tun ist. Ich danke jeder ein­zel­nen Schul­lei­tung, jedem Mi­nis­te­ri­um eines Bun­des­lan­des, das seine Deutsch­leh­re­rin­nen und Deutsch­leh­rer für diese Ver­an­stal­tung frei­ge­stellt hat, und ich bedanke mich auch bei den daheim ge­blie­be­nen Kolleg*innen, die dort die Ver­tre­tung des Un­ter­richts leisten. Liebe Lehr­kräf­te, liebe Mit­glie­der des Fach­ver­bands Deutsch, Sie, die Sie hier sind, wissen um die Be­deu­tung des kon­ti­nu­ier­li­chen Lernens, des Dazu-Lernens, der Wei­ter­ent­wick­lung und der Wie­derer­in­ne­rung des einst­mals Ge­lern­ten und Ge­wuss­ten. Das ist hier alles möglich, weil wir in dieser Ko­ope­ra­ti­on mit der Gruppe der Hoch­schul­leh­rer in unserem Dach­ver­band DGV ge­mein­sam eine große Tagung ge­stal­ten können, die uns durch die Bei­trä­ge der For­schen­den in allen Dis­zi­pli­nen der Ger­ma­nis­tik, allen Ge­gen­stands­be­rei­chen des Faches Deutsch, be­rei­chern wird. Mein Dank geht an die Lei­tun­gen der Panels, die An­bie­ter von Work­shops und die Vor­tra­gen­den, allen voran die Keynote-und Ple­nar­vor­tra­gen­den. Danke an Sie alle! Mit be­son­de­rer Freude schaue ich den nächs­ten Minuten unserer kost­ba­ren Zeit ent­ge­gen – welch Ehre, Sie, lieber Hartmut Rosa, hier be­grü­ßen zu dürfen! Dir, liebe Nine, als der Gast­ge­be­rin dieser Ver­an­stal­tung an Deiner Wir­kungs­stät­te möchte ich nicht ver­säu­men, einen be­son­de­ren Dank aus­zu­spre­chen! Damit ver­bun­den ist mein Dan­ke­schön an das Prä­si­di­um der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des, das Dekanat der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät und die Fach­rich­tung Ger­ma­nis­tik; mein großer Dank geht auch an die Ab­tei­lung Fach­di­dak­tik der Fach­rich­tung Ger­ma­nis­tik mit Frau Prof. Dr. Julia Knopf, die den Saar­län­di­schen Deutsch­leh­rer­tag betreut, an das In­sti­tut für Lehrerfort- und ‑wei­ter­bil­dung und das Lan­des­in­sti­tut für Päd­ago­gik und Medien. Danke nicht zuletzt an Dich, Torsten: Dr. Torsten Mergen bildet die Schnitt­stel­le zwi­schen dem Bun­des­vor­stand des Fach­ver­bands Deutsch, dem saar­län­di­schen Fachverband Deutsch und der Gesellschaft für Hochschulgermanistik. Der Ge­schäfts­stel­le mit der Ko­or­di­na­to­rin Anne Meyer-Klose und Andrea Schind­ler sei eben­falls mein großer Dank ausgesprochen.

Nun bleibt mir nur, Ihnen allen zu­zu­ru­fen: Nehmen Sie sich die Zeit für einen er­trag­rei­chen 26. Deutschen Germanistentag!

Dr. Beate Kennedy
Bun­des­vor­sit­zen­de des Fach­ver­bands Deutsch im Deutschen Germanistenverband e.V. (2013–2019)